Leitlinien beim Unterstützen von „Messies“ bzw. Helfen unter „Messies“
Stand 28.8.04 / jva / johannes@dplanet.ch

Vorbemerkungen:
Es zeigt sich immer mehr, dass die gegenseitige, persönliche Hilfe unter den Angehörigen von Selbsthilfegruppen sehr hilfreich sein kann, sofern sie richtig angepackt wird.

Oft ist bereits die passive Anwesenheit einer Vertrauensperson des „Messies“ sehr dienlich - er kommt dann unter Beobachtung, Beratung und Beistand erfahrungsgemäss sehr viel weiter als er dies je ganz alleine geschafft hätte!
Hingegen hat sich gezeigt, dass die Hilfeleistung von Verwandten eher problematisch ist: durch enge Vernetzung und gemeinschaftliche Vergangenheit sind Schamgefühl und Verletzungsgefahr besonders gross – auch Respekt und Wahrung der Diskretion sind heikler.

Hilfe kann von verschiedener Seite angeboten werden:
- im persönlichen Umfeld (Angehörige, Bekannte)
- private, kommerzielle und nicht kommerzielle Hilfsdienste
- öffentliche und bestehende Strukturen (Sozialdienste, Spitex)

Gestützt auf positive und negative Erfahrungen in diesem Umfeld und nach intensiver Diskussion in einer Selbsthilfegruppe entstanden die folgenden Leitlinien.

Sie stellen eine Art „Maximalforderung“ dar. Helfende Personen sollten diese Leitlinien mal sorgfältig durchlesen um sich der verschiedenen Aspekte bewusst zu werden. Es ist nicht die Idee, dass die Leitlinien vollumfänglich und sklavisch genau befolgt werden müssen. Tendenziell kann gesagt werden: Je mehr die angebotene Hilfe in den institutionellen / professionellen / kommerziellen Bereich geht, desto mehr Beachtung ist den folgenden Leitlinien beizumessen. Umgekehrt kann dort, wo ein grosses Vertrauensverhältnis besteht auf gewisse Regeln wie das Erstellen eines Protokolls verzichtet werden.

Als „Work in Progress“ sind uns kritische Rückmeldungen sehr willkommen: info@lessmess.ch.

Hier nun die Leitlinien:

1 Die gezielte Hilfe von Dritten sowie die gegenseitige Hilfe unter „Messies“ hat sich als eine der wirksamsten Möglichkeiten erwiesen. Sie sollte deshalb wo immer möglich angeboten – und angenommen werden.
2 Jede noch so gut gemeinte Hilfe ist verantwortungsvoll und birgt Gefahren in sich: juristischer Streit, falls etwas unbeabsichtigt verloren geht, Überforderung der Helfenden etc.
3 Oberstes Gebot: Diskretion. Alles, was Helfer sehen, hören, erfahren bleibt Dritten gegenüber geheim.
4 Klare Abmachung treffen, wie lange das erste Treffen dauern soll. Beide Parteien müssen Grenzen setzen können: Wenn es (den „Messies“) zu viel wird; wenn sich die Helfer überfordert fühlen.
5 Klare Abmachung treffen, was beim Treffen gemacht werden soll (s.u.)
6 Klare Abmachung treffen bezüglich Entschädigung. Die Spesen, der materielle Aufwand, auswärts Essen sollte unter Berücksichtigung der finanziellen Verhältnisse eingefordert werden (Ausnahme: Direkthilfe unter „Messies“). Das hat auch einen psychologischen Effekt (was nichts kostet, ist nichts wert). Die Entschädigung darf allerdings keine Lohnkomponente enthalten, denn sonst kommt man in Konflikt mit dem Arbeitsrecht (Unfallversicherung etc.). Wenn immer eine – grundsätzlich legitime – kommerzielle – Absicht besteht, so ist sie als solche klar zu deklarieren.
7 Beschränken auf ein Einzelprojekt (z.B. Struktur in administrativen Belangen, z.B. Schlüssel, Portemonnaie, Küche wieder gebrauchstauglich machen, Vorbereitungen für einen Besuch von Handwerkern, ein Kasten bzw. eine Ecke aufräumen etc.). Je höher das Ziel gesteckt wird, desto grösser das Risiko des Scheiterns.
8 Immer zuerst den („Messie“)-Menschen anschauen, sich einfühlen, wo steht der Mensch, wo drückt der Schuh vielleicht noch mehr als beim Chaos? Wie sieht sein Beziehungsnetz aus (namentlich im Hinblick auf Hilfsbereite)? Verhältnis zu seinen Nachbarn? Wie gross ist die Bereitschaft zum Verändern, zum Aufräumen, zum Wegräumen? Es versteht sich von selbst, dass diese Fragen keinesfalls aggressiv gestellt werden, sondern subtil und sensibel im Lauf der wachsenden Beziehung. Niemals drängen. Immer auch auf das Positive achten. Jede Helferin, jeder Helfer ist immer ein Gast.
9 Den Takt der Handlungen gibt die „Messie“-Person an. Wenn der Helfer das Gefühl bekommt, eine Aktion überfordere den Klienten oder es sei jetzt „genug“, möglichst bald zu einem abgerundeten Schluss kommen und die Tätigkeiten für diesen Tag einstellen.
10 Eiserner Grundsatz: Keine Handlung ohne Einverständnis des Betroffenen und immer nur in dessen Gegenwart oder einer Vertrauensperson. Falls mehrere Personen als HelferInnen kommen, darf nur eine Person aktiv sein. Jeder Gegenstand, der zur Wohnung/zum Haus hinausgeht wird auf einem Protokoll notiert, das die Betroffenen unterschreiben müssen. Helfer sollten Privathaftpflichtversicherung haben.
11 Grösste Vorsicht beim Zusammenbinden von Zeitungen, sonstigem Altpapier, sogar Abfall: Immer fragen, ob mit Sicherheit keine Wertsachen, Dokumente, (verstecktes) Geld, Pass, Erinnerungsstücke etc. drin sind. Auch dies ggf. auf dem Protokoll vermerken (siehe dort). Dass dies alles andere als pingelige Vorsicht ist, beweist ein reales Vorkommnis: In einem Stapel Papier kamen dank seriöser Sortierarbeit 200 Franken zum Vorschein
12 Wenn immer im „Messie“-Haushalt etwas umgestellt bzw. umorganisiert wird, ganz speziell bei wichtigen Dokumenten, sollen sich beide Parteien besonders konzentrieren, damit die Dinge später wieder gefunden werden. Es empfiehlt sich dringend, Schränke, Tablare, Schubladen, Behälter, Karteien gut anzuschreiben. Im Einverständnis mit den Klienten nimmt der Helfer die Liste der neuen Ordnung zu sich, um notfalls „Pfadfinderdienste“ leisten zu können. Variante: Veränderungen protokollieren.
13 Am Schluss oder später besprechen, ob Ziele erreicht wurden, ggf. Konsequenzen für spätere Hilfsaktionen ziehen.

 

 

Das Hilfeleistungs-Protokoll

Es sollte einen Kopfteil haben, in dem die Namen und Koordinaten der Beteiligten vermerkt sind.
Hier wird auch die Art der Aktion, das Datum und der Umfang des Protokolls vermerkt.

Das sieht dann etwa so aus:

Mit der Unterzeichnung des folgenden Textes bezeugen die Helfenden eine umsichtige und rücksichtvolle Arbeitsweise und der "Messie" bestätigt sein Einverständnis, wie mit den von der Aufräumaktion betroffenen Gegenständen laut Protokoll verfahren wurde.

 

Der/die unterzeichnende(n) HelferIn(en) bestätigt(en)

-

dass sie nach bestem Wissen und Gewissen und ohne Gewinnabsicht gehandelt haben

- dass sie keinen der aufgeführten Gegenstände aus persönlicher Bereicherungsabsicht angeeignet haben
- dass sie die Betroffenen ausdrücklich gefragt hat, dass in entsorgten Gegenständen, Papierstapeln etc. keine Dokumente, Wertsachen, Erinnerungsstücke, möglicherweise verstecktes Geld usw. usf. gelagert/versteckt gewesen sind. Im Zweifelsfall wurden die fraglichen Gegenstände durchsucht.
-

Für die vollbrachten Leistungen wurden Fr. ……. bezahlt.

Ort ………………………………… Datum …………………….

Unterschrift …………………………………………………………………………

Der/die unterzeichnende(n) „Messies“ bestätigt(en), dass

-

sie bzw. ihre Vertrauenspersonen bei der Hilfsaktion stets zugegen war

-

nichts ohne ihren ausdrücklichen Willen entfernt wurde

-

alle (ursprünglichen) Wertgegenstände protokolliert wurden (s.o.)

-

sie auf möglicherweise vergessene, versteckte Wertsachen (s.o.) aufmerksam gemacht wurden.

Ort ………………………………… Datum ……………………..

Unterschrift …………………………………………………………………………

Im Protokoll selbst werden alle Gegenstände behandelt, die aus dem Haushalt entfernt werden und die nicht offensichtlich Abfall sind. Dabei wird der Zustand des Gegenstandes beschrieben und was mit ihm geschehen ist. Dass dabei immer auf eine ökologisch sinnvolle Art geräumt wird sollte allen klar sein. Es gibt unzählige Internetseiten und gedrucktes Informationsmaterial über die fachgerechte Entsorgung / Recycling von Haushaltgegenständen - die entsprechende Gesetzgebung kann von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich sein.
Das Protokoll kann etwa so aussehen:

Diese Leitlinien kannst du als PDF betrachten - speichern - ausdrucken.

Ein Musterprotokoll ist auch als PDF erhältlich. Drucke davon die jeweils benötigten Seiten aus.